"Würde der Tiere" heißt auch: Zeit aufwenden und Geld in die Hand nehmen müssen!

Anbindehaltung bei Rindern

Die Anbindehaltung zählt in Österreich zu den traditionellen Haltungsformen für Rinder. Das System ist an und für sich nicht tiergerecht, da das Ausleben eines Teiles der angeborenen und erlernten Normalverhaltensweisen auf einem kleinen, fix zugewiesenen Platz im Stall nicht möglich ist.

Da es ein Hauptziel der Bio-Landwirtschaft ist, alle Nutztiere tiergerecht zu halten, müssen entsprechende Maßnahmen gesetzt werden, das „System“ tiergerecht zu machen. Mit der Verpflichtung zur Weidung/Auslauf in der Vegetationszeit sowie mindestens 2 x/Woche (besser täglichem) Winterauslauf kann auch eine Anbindehaltung in ein System verwandelt werden, das den Tieren artgemäße Bedingungen bietet. Durch diese Maßnahme steht auch für kleine Betriebe, die sich eine Investition in eine Laufstallhaltung nicht leisten können/wollen, die Biologische Landwirtschaft weiterhin offen.

Systematische Enthornung von Rindern/systematische Kastration von Mastschweinen und –Mastrindern

Systematisch durchgeführte tierschutzrelevante Eingriffe sind nach der EU-Bio-Verordnung verboten. In der Tierhaltungspraxis treten nun immer wieder in Einzelfällen Situationen auf, wo es aus Gründen des Tierschutzes oder auch der betreuenden Menschen notwendig erscheint, solche Eingriffe durchführen zu müssen. In diesen Ausnahmen müssen alle Vorkehrungen getroffen werden, um das Tier vor Angst, Schmerzen und Leiden zu bewahren. Die Eingriffe sind von einer Tierärztin, einem Tierarzt durchzuführen.

Abweichend von dem Grundsatz werden aber in der landwirtschaftlichen Bio-Praxis Kälber für die Michviehhaltung zum weitgehend überwiegenden Teil enthornt und für die Mast vorgesehene männliche Ferkel zu 100 % chirurgisch kastriert.  Bei beiden Eingriffen sind geeignete Maßnahmen zur Schmerzminderung vorgeschrieben.  Beide Eingriffe stellen dennoch Eingriffe in das Wesen und das Verhalten der Tiere dar.

Bei der Kastration werden zurzeit mehrere Möglichkeiten zur effizienteren Schmerzausschaltung z. B. durch eine Kombination aus Narkose und postoperative Schmerzmittel untersucht. Eine andere Möglichkeit wäre die Ebermast, bei der die sichere Erkennung von „Stinkerfleisch“ vorrangig gelöst werden muss. Die Kälberenthornung steht im Gegensatz dazu kaum zur Diskussion, da das Argument „Menschenschutz“ schwer wiegt.

Ziel der Biologischen Landwirtschaft muss es jedenfalls sein, alle tierschutzrelevanten Eingriffe tatsächlich auf gut begründete Einzelfälle zu minimieren.

Herdengrößen

Mit Ausnahme beim Geflügel schreibt die EU-Bio-Verordnung keine Bestandesobergrenzen oder auch maximale Herdengrößen vor. Für die Bio-Tierhaltung entscheidend sind Flächenbindung und tiergerechte Haltung. Große Bestände widersprechen allerdings den idyllisierten Vorstellungen vieler Bio-KonsumentInnen.

Die Herdengrößen müssen sich nach den Verhaltensansprüchen der jeweiligen Tierart richten und die Betreuungsintensität sowie das Management müssen eine ausreichende Obsorge garantieren können. Da die Größe der Herde nur sehr beschränkt eine Aussage über die Qualität der Tierhaltung erlaubt, wird es in nächster Zeit notwendig sein, mit gezielter Information KonsumentInnen zu überzeugen, dass in der Bio-Landwirtschaft  größere Tierbestände möglich sind, es diesen Tieren aber mindestens gleich gut geht, wie solchen in Kleinstbeständen.

Gülleproduktion statt humusmehrendem Festmist

Vor allem in der Milchkuhhaltung überwiegen auch in der Biologischen Landwirtschaft stroharme Güllesysteme (die Liegeflächen sind natürlich trotzdem gut eingestreut). Gülle wird in der Regel in großen Gruben gesammelt. Durch die Größe der Lagerbehältnisse und zu wenig Bewegung der Gülle bildet sich oftmals an der Oberfläche eine weitgehend luftundurchlässige Schwimmdecke, die eine aerobe Vergärung verhindert und die Gülle unter Luftabschluss gewissermaßen fault. Mit der Fäulnis werden Giftstoffe produziert. Zudem bringt die Ausbringung von Gülle überwiegend leicht verfügbare Ammoniumverbindungen auf die Flächen, die Gülle stinkt und humusmehrende Bestandteile fehlen.

Die Entscheidung für oder gegen ein Haltungssystem hat wegen der hohen Investitionskosten langfristige Auswirkungen auf einen Betrieb. Dementsprechend arbeiten ForscherInnen an Systemen, die eine gute Vergärung der Gülle ermöglichen.

  • Warum gibt es in der Bio-Landwirtschaft keine Bestandesobergrenzen?  Welche Tierart bildet eine Ausnahme? Welche Mechanismen verhindern in der Bio-Landwirtschaft Intensiv- und Massentierhaltung trotzdem?
  • Wie viele Auslauftage schreibt die EU-Bio-Verordnung vor? Wie schaut die landwirtschaftliche Praxis in Österreich aus? Warum ist Auslauf ins Freie so wichtig?
Bestandesgrößen haben ihre natürlichen Grenzen, um ohne Antibiotika, Coczidiostatika oder andere prophylaktische Mittel auszukommen
Nur mit Licht, Luft, Auslauf und viel Einstreu ist der Tierkomfort auch in großen Herden zu gewährleisten

Foto: BIO AUSTRIA

Auslauftage, Auslaufnutzung, Winterauslauf

Bio-Tieren muss gemäß EU-Bio-Verordnung grundsätzlich jeden Tag die Möglichkeit zum Auslauf ins Freie ermöglichst werden. Ausnahmen sind nur erlaubt, wenn es die klimatischen Verhältnisse (zu warm, zu kalt etc.), der Zustand des Bodens (zu eisig, zu gatschig etc.) oder der Zustand der Tiere (zu jung, krank etc.) nicht erlauben. Bis auf wenige Ausnahmen müsste das für die Praxis heißen, dass Bio-Tiere draußen sein müssen.

Das österreichische Lebensmittelbuch, welches bereits seit 1992 die Bio-Tierhaltung in Österreich geregelt hat, hat die Mindestauslauftage pro Jahr damals mit 180 Tagen festgelegt. Bei Weidegang oder Alpung werden diese Mindesttage bereits in der Vegetationsperiode erreicht und die Bereitschaft zum Winterauslauf sinkt.  Das ist gewissermaßen in den Köpfen verankert.

Da die EU-Bio-Verordnung für Tiere in Anbindehaltung für den Winter mindestens 2 x Auslauf ins Freie vorschreibt,  sehr viele Laufställe frei zugängliche Laufhöfe haben und alle Übergangsfristen bereits abgelaufen sind oder in Kürze auslaufen, wird der ganzjährig sicher gestellte Auslauf noch stärker in der Bio-Praxis zur Selbstverständlichkeit werden.

Tötung von Hahnenküken der Legelinien

Hahnenküken aus Legelinien werden unmittelbar nach dem Schlupf aussortiert, vergast und geschreddert. Für jede Bio-Legehenne muss derzeit ein Hahnenküken sterben. Das Problem ist hoch tierschutzrelevant, eine praxistaugliche Lösung ist derzeit nicht absehbar.

Legehennen haben mit Masthühnern leistungsmäßig kaum etwas gemein. Die einen legen etwa 300 Eier pro Jahr, die anderen wachsen in 30 Tagen zur Schlachtreife. Hahnenküken aus den Legelinien weisen genetisch ein nur schwaches Fleischansatzvermögen auf, dementsprechend brauchen Hahnenküken in der Mast etwa 150 Tage bis zur Schlachtreife. Mit einem dadurch verfünffachten Endverkaufspreis engen sich die Verkaufsmöglichkeiten sehr stark ein.

In ersten Versuchen wird aktuell mit sogenannten Zweinutzungshühnern versucht, einen Lösungsansatz zu finden. Diese Hühner weisen mit einer Legeleistung von etwa 200 Eiern pro Jahr  und einer Mastzeit von etwa 100 Tagen in beiden Bereichen mittlere Leistungshöhen auf. Die Ergebnisse werden zeigen, inwieweit Zweinutzungshühner vor allem ökonomisch eine Option sind. Um nicht die Preisdifferenz zwischen konventionellen Eiern und Geflügelfleisch zum jeweiligen Bio-Pendant noch weiter zu erhöhen, ist die ausschließliche Verwendung von Zweinutzungshühnern für Bio derzeit noch keine Option.

Reinhard Geßl