4.2 Kräuteranbau und Verarbeitung

Neben den allgemeinen Richtlinien (Kapitel 1) und den Richtlinien zum Pflanzenbau
(Kapitel 2.1 bis 2.6) gelten für den Kräuteranbau und die Verarbeitung von Kräutern
zusätzlich folgende Bestimmungen:
Heil- und Gewürzkräuter dienen neben der menschlichen Ernährung auch Heilzwecken. Bei
Anbau und Verarbeitung ist daher eine besondere Sorgfalt geboten.


4.2.1 Standortwahl
Standorte in der Nähe von Ballungszentren müssen vermieden werden. Der Abstand zu viel
befahrenen Straßen (Autobahnen, Schnellstraßen, Bundesstraßen) hat mindestens 50 m zu
betragen. Grundsätzlich wird in solchen Fällen das Anlegen eines Heckenstreifens empfohlen.
Beim Angrenzen konventionell genutzter Ackerflächen wird ein Mindestabstand von 5 m empfohlen.
Nach Möglichkeit ist ein Angrenzen konventionell bewirtschafteter Äcker ganz zu vermeiden.
Das Anlegen von Schutzhecken wird empfohlen.
Um eine optimale Kulturführung und Krankheitsvorbeugung zu gewährleisten, ist auf eine
möglichst weitgestellte Fruchtfolge unbedingt Wert zu legen.


4.2.2 Düngung – zusätzlich zum Richtlinienpunkt 2.1
Düngung, Frischmistausbringung (Flächenkompostierung) darf grundsätzlich nur am Ende der
Vegetationszeit erfolgen. Ordnungsgemäß aufbereitete Wirtschaftsdünger (Jauche, Gülle,
Mist) dürfen nur bis zum Anfang der Vegetationsperiode ausgebracht werden. Während der
Vegetationsperiode ist Wirtschaftsdünger nur als ausgereifter Kompost erlaubt.
Vor jedem Zugang von organischen Düngemitteln ist eine Genehmigung von BIO AUSTRIA
notwendig.
Beim Zugang organischer Dünger konventioneller Herkunft ist die Menge so zu bemessen
dass die Gesamtstickstoffmenge von 170 kg/ha landwirtschaftliche Nutzfläche – den
hofeigenen Dünger mit eingeschlossen – nicht überschritten wird. Die genehmigbare Menge
beträgt bei Kräutern pro ha und Jahr:
Kraut- und Wurzeldrogen: maximal 80 kg Njw/ha und Jahr
Blütendrogen: maximal 50 kg Njw/ha und Jahr
Berechnungsbasis ist der jahreswirksame Stickstoff (Njw) gemäß ÖPUL 2007.


4.2.3 Wildsammlung
Das Sammeln essbarer Wildpflanzen (inklusive Pilze) und ihrer Teile, die in der freien Natur,
in Wäldern und auf landwirtschaftlichen Flächen natürlicherweise vorkommen, entspricht
wenn
• die Flächen nachweislich in den letzten drei Jahren vor dem Sammeln der Pflanzen nur
mit Mitteln behandelt wurden, die in anderen Teilen dieser Richtlinien ausdrücklich erlaubt
wurden,
• das Sammeln die Stabilität des natürlichen Lebensraums und die Erhaltung der Arten im
Sammelgebiet nicht beeinträchtigt.
Diese Flächen unterliegen ebenfalls einer zumindest jährlichen Kontrolle. Die dafür notwendigen
Aufzeichnungen sind zu führen. So muss eine vollständige Beschreibung der
Betriebseinheit Aufschluss geben über die Lager- und Produktionsstätten, die Parzellen
und/oder Sammelgebiete und ggf. die Betriebsstätten, an denen bestimmte Arbeitsgänge der
Verarbeitung und/oder Verpackung stattfinden und das Datum enthalten, an dem auf den
betreffenden Parzellen zuletzt nicht zulässige Mittel aufgebracht wurden.


4.2.4 Aufbereitung und Trocknung
4.2.4.1 Aufbereitung
Das frische Erntegut ist unverzüglich nach der Ernte ordnungsgemäß aufzubereiten.
Längere Transportwege sind möglichst zu vermeiden. Bei unvermeidlichen
Zwischenlagerungen ist das Frischgut bei lockerer, nicht zu hoher Aufschüttung vor
Erwärmung und direkter Sonneneinstrahlung zu schützen.
Grundsätzlich müssen die Aufbereitungsgeräte eine möglichst schonende Behandlung
des Erntegutes gewährleisten. Der Eintrag von Schadstoffen im Zuge der
Aufbereitung (z.B. Schmiermittel) ist zu verhindern. Die Schneidgeräte sind regelmäßig
auf einwandfreien Schnitt und Sauberkeit zu überprüfen.


4.2.4.2 Trocknung
Das vorverarbeitete Frischgut ist unverzüglich nach der Aufbereitung (schneiden,
sichten usw.) schonend zu trocknen. Drogen, die ätherische Öle enthalten, dürfen
nicht über 40 °C getrocknet werden. Diese Trocknungstemperatur gilt auch als
Grundregel für andere Drogen. Bei Drogen, die zu höheren Keimzahlen neigen,
wie z.B. Blütendrogen (Calendula officinalis usw.) oder auch zur Prophylaxe gegen
eventuellen Schädlingsbefall (z.B. Arnica montana) sind höhere Temperaturen
erlaubt. Würde bei zu niedrigen Trocknungstemperaturen die Qualität leiden und
damit die im ÖAB, DAB und österr. Lebensmittelbuch Kap. B 28 und B 31
geforderten Werte nicht erreicht werden, sind höhere Temperaturen gestattet (z.B.
bei Liebstöckel, Spitzwegerich, usw.).
Sich gegenseitig beim Trocknen negativ beeinflussende Drogen dürfen nicht
gleichzeitig in derselben Trocknungsapparatur getrocknet werden. Die fertig getrocknete
Ware wird nach einer Nachkühlphase in saubere Gebinde abgefüllt und
beschriftet (Mindestangaben: Name des Produkts, Schnitt, Erntejahr).
4.2.4.3 Trocknungsraum und Heizung
Der Trocknungsraum sollte in sich abgeschlossen sein. Er darf keine mit Schadstoffen
belasteten Materialen enthalten (z.B. behandelte Spanplatten). Direkte
Beheizung mit Heizöl, Gas, Kohle, Holz oder Feuchtigkeitsentzug mittels chemischer
Zusätze ist untersagt. Einer Beheizung mit erneuerbarer Energie (nachwachsende
Rohstoffe, Hackschnitzel, Sonnenenergie) oder Abwärmenutzung (Biogasanlagen
etc.) ist, der Vorzug zu geben.
4.2.4.4 Aufzeichnungen
Über die Trocknungstemperaturen und Trocknungsdauer ist ein Chargenbuch zu
führen, welches bei der jährlichen Kontrolle offenzulegen ist.


4.2.5 Lagerhaltung
Der Lagerraum muss lichtgeschützt, trocken und möglichst kühl sein. Große Temperaturschwankungen
werden vermieden (Empfehlung: Luftfeuchtigkeit von rund 60 % bei 19 °C).
Die Drogen müssen regelmäßig kontrolliert und der Lagerraum sauber gehalten werden.
Lagerräume sind von den Aufbereitungsräumen zu trennen.
Dem Lagerschutz dienen genaue Lagerhaltungskontrollen (inklusive Schädlingsüberwachungsmaßnahmen
wie Pheromonfallen etc.) und ein Tiefgefrieren gefährdeter Partien. Reichen
diese Maßnahmen nicht aus, dürfen die Lagerräumlichkeiten nur mit im biologischen Landbau
zugelassenen Mitteln gegen tierische Lagerschädlinge behandelt werden (siehe Punkt 2.5
und 2.6). Erlaubte Mittel entnehmen Sie dem aktuellen Betriebsmittelkatalog.
Chemische und radioaktive Entwesungs- und Entkeimungsmittel sind ausdrücklich verboten.
Für die gesamte Verarbeitung und Lagerhaltung sind Chargen- und Mengenaufzeichnungen
durchzuführen, damit der Warenfluss nachvollziehbar ist.


4.2.6 Zutaten
Zugekaufte Zutaten müssen grundsätzlich von BIO AUSTRIA-zertifzierten Betrieben oder von
BIO AUSTRIA als gleichwertig anerkannten Verbänden stammen. Falls aus klimatischen bzw.
technischen Gründen keine inländische BIO AUSTRIA-Ware zur Verfügung steht, können
andere Bio-Zutaten zugekauft werden.
Drogen aus Wildsammlungen müssen auf der Verpackung als solche deklariert werden. (Zutat
„…“ aus Wildsammlung.)


4.2.7 Verpackung
Die Kräuterverpackung soll so gewählt werden, dass einerseits die Erhaltung von Qualität und
Frische gewährleistet und andererseits hinsichtlich Aufwand und Material der Verpackung die
Umweltverträglichkeit beachtet wird.