Im Laufe der Jahrmillionen dauernden Evolution haben sich Rinder in den gemäßigten Klimaregionen darauf spezialisiert, grasreiches Futter als Energie- und Nährstoffquelle zu verwerten. Mit ihrem hoch spezialisierten Verdauungssystem sind Rinder in der Lage faserreiche Futtermittel in einem Ausmaß zu nutzen, wie wir das von keiner anderen Tierart kennen.

Biologisch wirtschaftende Rinderhalter versuchen dieses Potenzial zu nutzen, in dem sie möglichst viel Milch und/oder Fleisch aus qualitativ hochwertigem Grundfutter erzeugen.

1. Kuhkomfort und Tierbetreuung – Wie wohl fühlen sich die Tiere auf meinem Betrieb?

Ungünstige Liegebedingungen, rutschige und/oder harte Böden, schmale Fressplätze, Überbesatz, raue oder verschmutzte Futtertröge und eine zu geringe Futtervorlage (schmutzige Futterreste) verringern die Futteraufnahme.
Ausreichend Licht, luftige aber zugluftfreie Stallungen und die ständige Verfügbarkeit von sauberem Wasser gehören ebenso zum Kuhkomfort wie eine intakte Tier-Mensch-Beziehung und schaffen die Basis für gesunde Kühe mit hohen Grundfutteraufnahmen.

2. Rationsgestaltung und Kraftfuttermenge – Nutze ich die Milchinhaltsstoffe und die Körperkondition der Kühe zur Kontrolle der Fütterung?

Nach dem Laktationsstart müssen bei der Rationsgestaltung aber vor allem bei der Kraftfutterzuteilung die Milchinhaltsstoffe und die Körperkondition der Kühe berücksichtigt werden. In der Praxis empfiehlt sich die Nutzung der Milchleistungskontrollergebnisse, wobei hier nicht auf Einzelergebnisse sondern auf die Mittelwerte der einzelnen Laktations- bzw. Leistungsgruppen zurückgegriffen werden soll.

3. Körperkondition – Kommen meine Kühe verfettet zur Abkalbung, verlieren sie zu Laktationsbeginn zu viel Gewicht?

Bei der Abkalbung sollten Kühe und Kalbinnen eine Körperkondition von etwa 3 - 3,50 aufweisen, zu Laktationsbeginn darf der Abfall der Kondition nicht zu stark ausfallen (maximal -0,75 Punkte, das sind etwa 10% des Körpergewichtes).

  • Die Ursache der Verfettung liegt in einer Energieüberversorgung im letzten Laktationsdrittel und zu Beginn der Trockenstehzeit bzw. bei einer zu intensiven Aufzucht der Kalbinnen meist kombiniert mit einer zu späten Belegung. Auch lange Trockenstehzeiten  erhöhen das Verfettungsrisiko. Sogenannte „Hungersterilitäten“ treten häufiger bei milchbetonten Tieren auf.
  • Ursachen dafür sind unzureichende Rationen (Menge und/oder Qualität) bzw. eine schlechte Abstimmung des  Milchleistungspotentials der Kühe auf die Gegebenheiten des Betriebes (Standortbedingungen, Management u. dgl. mehr).

4. Anfütterung vor der Abkalbung – Kann ich auf höchste Milchleistungen in den ersten Laktationswochen verzichten?

Ob eine Kraftfutteranfütterung vor der Abkalbung sinnvoll ist, muss unter Biobedingungen differenziert betrachtet werden. Versuche zeigen, dass durch eine intensive Kraftfutteranfütterung die Milchleistung zu Laktationsbeginn erhöht wird. Kann dieser Anstieg nicht durch eine höhere Futteraufnahme kompensiert werden, nimmt das Energiedefizit in den ersten Laktationswochen zu. Betriebe, die in der Laktation nur sehr wenig Kraftfutter einsetzen und dieses zu Laktationsbeginn auch nur langsam steigern, sollten daher auf eine Anfütterung mit Kraftfutter verzichten.

5. Geburtszeitraum – Welches Umfeld biete ich meinen Kühen rund um die Geburt?

Der Zeitraum rund um die Geburt ist die sensibelste Phase bei weiblichen Nutztieren. In dieser Zeit sollte daher den Kühen das bestmögliche Umfeld hinsichtlich Betreuung, Haltung und Fütterung geboten werden. Wichtige Ansatzpunkte dazu sind:

  • Langsame Umstellung der (Grund-)Futterration auf bestes Grundfutter und ev. anfüttern mit Kraftfutter (siehe 8.) bereits vor der Abkalbung
  • Abkalbung auf weichem sauberem Strohbett in einer geschützten Umgebung 
  • Lauwarmes Wasser sofort nach der Geburt und generell auf ausreichende Wasserversorgung achten!
  • Bestes Grundfutter mehrmals am Tag frisch nachschieben – Futterreste notwendig!
  • In Laufställen Kühe bei Bedarf zum Futter locken und vielfältige aber konstante Rationen zusammenstellen
  • Gründlandfutter unterschiedlicher Aufwüchse kombinieren, ein Heuanteil erhöht die Futteraufnahme
  • Kraftfutter nach der Abkalbung nur langsam steigern, maximal 0,2-0,4 kg/Tag und nicht mehr als 1,5 - 2 kg pro Teilgabe anbieten

Auf ausreichend Frischluft achten, bei Hitze den Kühen Schatten anbieten oder für Kühlung sorgen und ständige Kontrolle der Tiergesundheit (Klauen, Euter, Stoffwechsel)

6. Kraftfuttersteigerung – Wie schonend steigere ich das Kraftfutter und wie teile ich es zu?

In den ersten Laktationstagen und –wochen muss der Steigerung der Grundfutteraufnahme höchstes Augenmerk geschenkt werden. In den ersten zwei Tagen nach der Abkalbung sollte nicht wesentlich mehr als 2 kg Kraftfutter gefüttert werden. Danach darf die Kraftfuttermenge nur langsam in 0,2–0,4 kg Schritten pro Tag auf das tier- bzw. betriebsindividuelle Maximalniveau gesteigert werden, wobei pro Teilgabe nicht mehr als 1,5 – 2 kg Kraftfutter angeboten werden sollte.

7. Kraftfuttereffizienz – Welche Kuh bekommt Kraftfutter?

Bei geringer Milchleistung kann je kg zusätzlich gefütterter Kraftfuttertrockenmasse nur eine Milchleistungssteigerung von etwa 0,4 bis maximal 1 kg erwartet werden. Erst bei hoher Milchleistung und damit üblicherweise negativer Energiebilanz, kann pro kg gefüttertem Kraftfutter eine Zunahme der Milchleistung um 1 bis 2 kg (max. 2,5 kg) erzielt werden. In der Praxis sind ab dem 150. bis 200. Laktationstag bzw. bei Tagesmilchleistungen unter 18 kg nur mehr eine geringe Kraftfuttereffizienz und damit das größte Kraftfuttereinsparungspotential gegeben. Bei guter Grundfutterqualität und freier Futteraufnahme benötigen Kühe bei einer Milchleistung unter 16–18 kg kein Kraftfutter mehr!

8. Meine Standortbedingungen – Welches Tier halte und züchte ich?

Bio-Betriebe müssen vor allem in Richtung Fitness und Grundfutterlebensleistung züchten.
Eine einseitige Steigerung der Jahresmilchleistung ist kontraproduktiv.

Andreas Steinwidder

  • Welcher Produktionsumfang ist auf Grund meiner betrieblichen Ressourcen möglich?
  • Welchen Tiertyp halte und züchte ich?
  • Wie wohl fühlen sich die Tiere auf meinem Betrieb?
  • Kommen meine Kühe verfettet zur Abkalbung, verlieren sie zu Laktationsbeginn zu viel Gewicht?
  • Welches Umfeld biete ich meinen Kühen rund um die Geburt?
  • Kann ich auf höchste Milchleistungen in den ersten Laktationswochen verzichten?
  • Welche Kuh bekommt Kraftfutter?
  • Nutze ich die Milchinhaltsstoffe und die Körperkondition der Kühe zur Kontrolle der Fütterung?
  • Welche Betriebsziele setze ich mir?
  • Worauf sollten Bio-Milchviehbetriebe im Gesamtsystem besonders achten? (im Hinblick auf Boden, Düngung, Pflanzenbau, Zucht, Fütterung, Haltung)
  • Warum entspricht ein hoher Kraftfuttereinsatz in der Rinderfütterung nicht dem Ansatz der Bio-Landwirtschaft?
Grundfutter ad libitum - selbstverständlich für Leistung aus Grundfutter

Foto: BIO AUSTRIA

Eine hohe Grundfutterlebensleistung ist ein wichtiges Ziel in der Bio-Milchviehhaltung.

Es kann erwartet werden, dass auf Grund der sich ändernden Rahmenbedingungen (Energiereserven und –kosten, wachsende Weltbevölkerung, Verknappung der Ackerflächen etc.) in der Milchviehhaltung Systeme mit minimiertem Kraftfuttereinsatz an Bedeutung gewinnen werden.

in hochwertigem Heu oder hochwertiger Grassilage sind die Einzelpflanzen zu erkennen, und diese sind tendenziell grün, nicht gelb oder braun
gutes Grundfutter ist die Grundlage leistungsbetonter Tierhaltung

Foto: BIO AUSTRIA/Golser

Der Einsatz hoher Kraftfuttergaben ist in mehrfacher Hinsicht kritisch zu hinterfragen:

  • Auswirkungen auf die Fruchtfolge im Ackerbau
  • Einsatz nichterneuerbarer Ressourcen zur Erzeugung von Kraftfutter (Treibstoff, Mineraldünger etc.)
  • Nährstoffanreicherung der Böden durch den Zukauf von Kraftfutter (in sehr intensiven Betrieben mit hohem Tierbesatz)
  • Verfütterung von Futtermitteln mit Lebensmittelcharakter (Lebensmittelbilanz) die von Wiederkäuern relativ ineffizient verwertet werden (negative Energiebilanz!)
  • Größere Sensibilität des Konsumenten in Richtung artgemäße Fütterung der Tiere
das richtige Futterangebot rund um die Geburt ist für Kuh und Kalb entscheidend für deren Gesundheit

Foto: BIO AUSTRIA

EU VO 834, Artikel 5

EU VO 834, Artikel 14, d

EU VO 889, Artikel 19ff

Bio Austria RiLi, 3.4