Globalisierung des Bio-Marktes

Interview  mit Christian Winzer, Geschäftsführer der Bionahrungsmittel GmbH in Grödig.


Herr Winzer, wie geht es der Bio-Nahrungsmittel GmbH am globalisierten Markt?
Unsere Firma wirtschaftet sehr erfolgreich. Seit der Gründung 1979 verzeichnen wir jährliche Zuwachsraten im zweistelligen Bereich. Bei unserem Produktionswerk in Grödig sind ca. 70 Mitarbeiter beschäftigt, wir setzen jährlich 17 Millionen Beutel in Größen zwischen 100g und 1000 g ab.

Mit welchen Ländern arbeiten Sie zusammen?
Wir verarbeiten Trockenfrüchte, Nüsse, Samen und Saaten, viele davon sind Exoten. Unsere Produzenten sind auf fast allen Kontinenten verteilt.

Unsere Schwerpunktländer befinden sich in Europa. Die meisten Trockenfrüchte kommen vor allem aus der Türkei. Wir beziehen ebenfalls aus Südamerika, USA, Afrika, Indien und China. In der Türkei gibt es langjährige Projekte, die wir vor Ort aufgebaut haben. Aus Österreich beziehen wir Weizen, Roggen, Hafer, Dinkel und Grünkern von BIO AUSTRIA Betrieben.

Auf der Absatzseite bedienen wir den deutschen und österreichischen Markt. Der Drogerie-Markt-Bereich ist der bedeutendste, wir bedienen aber auch den Lebensmittel-Einzelhandel und den Naturkost-Großhandel. Wir produzieren vorwiegend für Eigenmarken.

Welche Veränderungen bringt die Globalisierung mit sich?
Die Globalisierung hält auch vor der Biobranche nicht halt. Alle Partner, sowohl Produzenten, Verarbeiter und der Handel sind vernetzt. Jeder weiß, was der andere tut. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich.

Können Sie mir ein paar Beispiele nennen?
Produzenten passen die Preise untereinander an. Im Vorjahr betraf das zum Beispiel die Sultaninen. Bio-Sultaninen werden nur in der Türkei und Griechenland angebaut. Eine vergleichbare, etwas dunklere Traube wird auch in Südamerika angebaut. 2007 kam es beim Bio-Sultaninenanbau in der Türkei durch Ernteausfälle zu einer Preissteigerung von 30%. Die Produzenten aus Südamerika schraubten ihre Produkte sofort auf das selbe Preisniveau.

Das ist für die Produzenten ein Vorteil, gibt es auch Negativbeispiele?
Die Globalisierung beschert uns mehr Nach- als Vorteile. Der globale Handel macht es möglich, ganze Märkte zu ruinieren. Das zeigt sich beim Anbau von Sonnenblumenkernen. Bio-Sonnenblumenkerne in „Confectionary Quality“, d. h. in „Knabberqualität“ werden in (Ost-)Europa nicht angebaut. Traditionelle Märkte für Bio-Sonnenblumenkerne waren bislang Nordamerika und Südamerika. Vor ca. acht Jahren hat China mit einer vergleichbaren Qualität den Markt überschwemmt und bot um ca. 40% günstiger an. In der Folge brach der Exportmarkt in den traditionellen Anbaugebieten komplett zusammen. Nordamerika und Südamerika bauen heute nur mehr einen Bruchteil für den eigenen Markt an. Im Vorjahr zog der Preis der chinesischen Ware kräftig an. Zuerst wurde der Markt kaputt gemacht um danach kräftig daran zu verdienen.

Welche Rolle spielt China am globalen Markt?
Das Beispiel der Bio-Sonnenblumenkerne zeigt die ganze Problematik. China ist scheinbar in der Lage, den Markt derart zu beeinflussen, dass ganze Länder wie in Südamerika und Nordamerika den Markt für den Export verloren haben.

Sie beziehen teilweise Bio-Produkte aus China. Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?
Anfänglich gab es viele Reklamationen, z. B. bei Pestiziden die wir aufgrund unserer Laboranalysen nachweisen konnten. Die Qualität ist mittlerweile die gleiche wie in Nord- und Südamerika. Am Produkt selbst gibt es nichts einzuwenden oder vorzuwerfen. Wer die richtigen Produzenten in China kennt, der erhält Top-Bio-Qualität. HACCP-Konzepte und IFS-Zertifizierungen sind dort Standard. Der andere Aspekt ist der ethische. Die sozialen Standards in China sind bescheiden, von der politischen und menschenrechtlichen Situation ganz zu Schweigen. In China gibt es kaum Möglichkeiten, von Außen darauf Einfluss zu nehmen. Die Rahmenbedingungen in China sind mit den ethischen Werten des Biolandbaus nur schwer vereinbar.

Warum nehmen Sie nicht das teurere Produkt aus einem anderen Land?
Bei Preisunterschieden bis zu 40% verlangt der Konsument und der Handel das günstigere Produkt. Hier haben wir keine Alternative. Wichtig ist uns das Herkunftsland auf all unseren Verpackungen zu vermerken. In Österreich ist dies auch gesetzlich verpflichtend, in Deutschland derzeit nicht, nur auf freiwillige Basis.

Bei geringeren Preisunterschieden achten wir aber darauf, dass wir von jenen Ländern beziehen, die „regionaler“ sind, soziale Standards aufweisen und traditionelle Anbaugebiete sind. Dazu ein paar Beispiele. Die Bio-Haselnuss wird traditionell in Italien angebaut. Trotz höherer Abnahmepreise beziehen wir von dort, obwohl die Türkei etwas günstigere und vergleichbare Qualität anbietet. Bio-Walnüsse bezogen wir bisher aus Indien. Derzeit begleiten wir ein Bio-Walnuss-Projekt in Moldawien. Moldawien ist für uns „regionaler“. Bio-Kürbiskerne beziehen wir aus Österreich und Ungarn. China bietet mittlerweile auch dunkelgrüne Bio-Kürbiskerne an. Wir bleiben bei unseren Anbietern, die chinesischen Bio-Kürbiskerne finden Sie aber sicher bereits in vielen österreichischen Bio-Backwaren.

Sie sprachen das Thema Rückstände an. Wie glaubwürdig sind Bio-Produkte aus China und anderen Billiglohnländern?
Bio-Produkte, die nach Europa kommen werden nach EU-Standards produziert, die Grunderzeugnisse nach Rückständen beprobt. Die Bioqualität ist dadurch garantiert. Allerdings gibt es gewisse Bandbreiten in der Interpretation der Richtlinien durch die Produzenten und Kontrollstellen und in der Interpretation der Rückstände durch die offiziellen Labors. Wir ziehen regelmäßig Proben der angelieferten Waren. Manche müssen zurückgesandt werden, da die vorgegebenen Spezifikationen nicht eingehalten werden.

Warum gibt es diese Unterschiede und kann man sie Ihrer Meinung nach eindämmen?
Mindere Qualität vorsätzlich herbeiführen zu wollen möchte ich niemandem unterstellen. Meiner Meinung nach sind es vielmehr die unterschiedlichen Mentalitäten in den Anbaugebieten. Daher ist es wichtig, eine entsprechende Kontrolle vor Ort zu haben, die nach unseren Standards zertifiziert. Z. B. arbeiten wir in der Türkei mit der französischen Firma Ecocert zusammen, nicht mit den türkischen Zertifizierern. Zusätzlich haben wir eine Bio-Berater beauftragt, um die Bauern bei der Umstellung und Produktion zu unterstützen. Wir versuchen, die Betriebe nach unseren Qualitätsanforderungen zu „erziehen“. Dadurch erzielen sie höhere Preise. Mit unserer Partnern gibt es regelmäßigen Austausch und gegenseitige Besuche.

Kommen wir nochmals zum globalisierten Markt. Sehen Sie auch Vorteile der Globalisierung?
Ein Vorteil ist der globale Vergleich von Bio-Qualitäten, Preise und sozialer Standards. Vergleichbare Produkte sind wichtig, einseitige Märkte zerstören. Wir arbeiten mit „Exoten“, z. B. Ananas, Mangos, Kokos, Paranüsse etc. die wir ohne globalen Markt nicht bekämen. Auch die Konkurrenz durch mehrere Anbieter ist bei global gehandelten Produkten enorm wichtig. Wir beziehen meist von mehreren Produzenten, sodass eventuelle Ernteausfälle dadurch besser abgepuffert werden können.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch!